Geschichte

Zu den Anfängen des Forums sowie dem Mentorenprojekt ‘Ärzte helfen Ärzten’

In einem Tagesspiegel-Artikel im letzten Jahr berührten mich die geschilderten Erfahrungen eines nach Berlin geflohenen syrischen Arzt-Ehepaares. Sie seien Berlin zwar sehr dankbar für den gewährten Schutz als anerkannte Flüchtlinge, fühlten sich hier aber fremd, isoliert und orientierungslos. Ihre berufliche Zukunft mache ihnen große Sorgen.

Ein erstes persönliches Gespräch mit syrischen ÄrztInnen im Aufnahmelager Marienfelde bestätigte mir dies. Durch fehlende Sprachkenntnisse, unzureichende Informationen und nahezu keine persönlichen Kontakte zu Deutschen seien sie isoliert. Sie fühlten sich nicht gesehen und von der Bürokratie überfordert. Der Verlust der Existenz und ihre Fluchterlebnisse belasteten sie anhaltend. Von erheblichen Traumatisierungen ist auszugehen. Jeder der syrischen ÄrztInnen hat eine unterschiedliche berufliche und persönliche Vorgeschichte. Ich lernte einen 27 Jahre alten Assisstenzarzt kennen, der in den ersten klinischen Monaten eine Explosion vor seiner Klinik in Damaskus knapp überlebte und dann Monate lang über Land nach Europa floh, ebenso einen 51-jährigen, ausgebombten Allgemeinarzt aus Homs mit über 20-jähriger Praxiserfahrung.

In mir tauchten Bilder auf von selbst erlebtem Elend nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Hinzu kamen meine Erfahrungen nach der Wende 1989 mit Orientierung suchenden KollegInnen aus der DDR. Wir versuchten damals in privat organisierten Seminaren, ihnen unser Gesundheitssystem näher zu bringen. Besonders hilfreich für beide Seiten waren damals die Ost-West-Patenschaften der Kliniken, aus denen viele gute Einzelkontakte entstanden.

Statt die täglichen Schreckensmeldungen vom Schicksal syrischer Flüchtlinge über uns ergehen zu lassen, könnten wir doch die syrischen Kolleginnen und Kollegen unterstützen, war die Ausgangsidee. So bildeten wir Ende 2014 einen ehrenamtlichen Kreis aus einigen deutschen KollegInnen und drei syrischen Kollegen, die schon lange hier in Berlin praktizieren. Zwei von ihnen brachten langjährige wertvolle Integrations-Erfahrungen mit aus ihrem eingetragenen Alkawakibi Verein e.V., einem Verein für Demokratie und Menschenrechte. Wir organisieren seither ein regelmäßiges monatliches Treffen von syrischen mit deutschen KollegInnen. Jeder kann soweit es ihm sprachlich möglich ist seine Erfahrungen schildern und Fragen stellen. Die Teilnehmer lernen sich dabei kennen und tauschen Erfahrungen und Informationen aus.
Mancher hat erste Erfolgserlebnisse, wenn er oder sie in gebrochenem Deutsch Sätze zu formulieren wagt und sie notfalls in Englisch ergänzt. Die Atmosphäre ist meist unverkrampft und persönlich. Es geht uns nicht um materielle Unterstützung oder Vermittlung von Arbeit, sondern um Begleitung und Orientierung.
Erste wertvolle Hilfe fanden wir im BBZ, einem Beratungszentrum für junge Flüchtlinge in Moabit, bei Herrn Walid Chahrour, der uns seither einen Versammlungsraum zur Verfügung stellt.
Unsere Runde wächst ständig durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Es gesellen sich geflohene Zahnärzte, Apotheker und auch Kollegen aus anderen arabischen Ländern hinzu. Daher sind wir nicht mehr auf syrische ÄrztInnen festgelegt. In der Regel haben sie eine Aufenthaltsgenehmigung für 3 Jahre, die je nach ihrer Entwicklung verlängert werden kann. Alle sind in Deutschkursen und haben ein Dach über dem Kopf.
Sie fühlen sich hier sicher, das Schlimmste scheint hinter ihnen zu liegen, und ihre Erwartungen an Verständnis und Hilfe aus Deutschland sind groß. Es taucht die Gefahr auf, dass einige KollegInnen die vor ihnen liegenden Schwierigkeiten daher unterschätzen. Am liebsten möchten sie gleich wieder ärztlich arbeiten. Denn sie befürchten Kompetenz- und Statusverlust.
Als großes Hindernis stellt sich das Erlernen der deutschen Sprache dar. Ohne die Sprachqualifikation B2 beziehungsweise C1 (medizinisches Deutsch) ist nicht an Approbation zu denken. Aus Altersgründen oder aufgrund der erlebten traumatisierenden Schrecknisse scheint die Lernfähigkeit bei einigen erschwert. Ihre Gedanken sind bei den Angehörigen und dem Erlebten. Die Angst, den Anforderungen hier nicht gewachsen zu sein und zu versagen, ist ausgeprägt und sicher nicht unberechtigt. Eine erhebliche Anpassungsleistung ist erforderlich. Das Landsamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) wacht auf dem Weg zur Approbation über die Erfüllung eines individuell aufgestellten Anforderungskatalogs. Dabei ist auch eine ärztliche Gleichwertigkeitsprüfung möglich. Wir müssen ihnen vermitteln, dass in der Tat ein langer schwieriger Weg vor ihnen liegen kann, bevor sie hier ärztlich tätig werden können, und dass er aber bei entsprechendem Einsatz zu schaffen ist.
Durch die persönlichen Beziehungen in unserem Netzwerk können wir ihnen als Paten diesen Weg erleichtern. Wir können uns z.B. mit ihnen zu einem Tee treffen und über unsere unterschiedlichen ärztlichen Erfahrungen, Lebensgewohnheiten und kulturellen Werte sprechen. Wichtig ist, dass wir unsere Grenzen kennen und wissen, dass wir viele Erwartungen enttäuschen werden. Im Gespräch mit ihnen fördern wir ihre Deutschkenntnisse. Denn das wird jetzt schon deutlich: gute Deutschkenntnisse und Vertrauen in die neue Umgebung werden Grundlage ihrer Integration und ihres Zugangs zum Beruf sein.
Wir suchen also Mitstreiter in dem noch kleinen Netzwerk. Man kann beim Treffen persönlich syrische KollegInnen kennenlernen oder sich von außerhalb einen Kontakt vermitteln lassen. Vielleicht trifft man sich auch nach Fachdisziplinen. Syrische Ärzte mit festen Wurzeln in Berlin können hier ihre Landsleute unterstützen. Das Engagement ist interessant, befriedigend und kann Spaß machen. Außerdem brauchen wir in Deutschland dringend ÄrztInnen, vor allem auf dem Land. Die Berliner Ärztekammer hat uns ihre Unterstützung zugesagt.

Dr. Rainer Katterbach Gastkommentar
Chefarzt a.D. Nervenklinik Spandau
Psychoanalytiker

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