Erfahrungen einer Mentorin

Wieso hatte ich den Wunsch, Mentorin zu werden?

Als mir klar wurde, dass in Syrien ein lang anhaltendes humanitäres Desaster im Gange ist, das schwer auszuhalten ist, wollte ich etwas Nützliches tun. Besonders empört hat mich die Verfolgung und Verletzung und Ermordung von Ärzten und medizinischem Personal, galt doch seit Gründung des Roten Kreuzes zumindest in der Theorie einhellig das Gebot der größtmöglichen Schonung der Mediziner, auch wenn sie „auch der falschen Seite halfen“. Der Arzt ist von seiner Struktur her für den Kranken Menschen und nicht für die Politik da.

Zum zweiten bin ich glücklich und dankbar, dass ich mit meinen Kindern (ein wehrfähiger Sohn) in Sicherheit, Frieden, Überfluss und Freiheit leben kann. Da das nicht unser Verdienst ist, können wir ruhig etwas abgeben.

Zum Dritten habe ich selbst in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet, ja, das war freiwillig und interessant und mein Land war nach meiner Rückkehr immer noch da wie gewohnt. Aber ich habe mehrmals den Start in eine andere Kultur und Sprache bewältigt, habe mich beweisen müssen, integriert, Freunde und neue Horizonte gefunden und weiß, dass es nicht einfach ist.

Und nicht zuletzt interessiere ich mich sehr für Menschen und Geschichten, für andere (fremde?) Sichtweisen, Kontakt und was die Zukunft so bringen mag.

Wie ging es los?

Dr. Katterbach gab Adressen/Handynummern von Interessierten. Aus verschiedenen Gründen klappte ein Treffen erst beim dritten Versuch. So traf ich mich mit einem syrischen Arzt Mitte zwanzig in einer Teestube. Das Gespräch war (vor der B2 Prüfung) mühsam, wir mussten ständig etwas auf dem Handy nachschlagen und trafen uns ca. 1x/Woche regelmäßig. Zum Teil übten wir gezielt Sprache, später auch Fachsprache, zum Teil machten wir Freizeitaktivitäten wie Kochen (können wir beide gut), Zoo, Botanischer Garten, Konzert etc. .Eine Freude war es, jemandem etwas zu vermitteln, der nicht nur extrem motiviert war, sondern auch blitzgescheit. Eigentlich musste ich alles nur einmal sagen. Neben Problemen mit der Ausländerbehörde, wo ich nur flankierend zur Seite stehen konnte, ging es bald um Hospitationen und Bewerbungen. Inzwischen arbeitet er seit 10 Monaten in einer Rehaklinik in seiner erhofften Pädiatrie und wird -Inschallah-die Prüfung bei der Ärztekammer mit Erfolg ablegen. Inzwischen haben wir uns besucht und uns auf halber Strecke für ein Wochenende Sightseeing getroffen. Als er aus Berlin wegging, hinterließ er mir die Nummer zwei, der in Syrien studiert hatte und in Deutschland auf einen Studienplatz in Humanmedizin (um nochmals von vorne zu beginnen) hoffte .Er sprach extrem gut Deutsch und hatte gerade die Ausbildung zum Pflegehelfer gemacht. Unsere Aktivitäten siehe oben, außerdem stand er auf den deutschen Wald und so waren einige Waldausflüge dabei. Sein Aufenthaltsstatus war zwar geklärt, kniffelig waren dann aber Vorstellungsgespräche an der Uni, ganz schlecht kann ja unsere Vorbereitung nicht gewesen sein, denn er hat zum Wintersemester 2016/17 den Studienplatz bekommen und ist, wenn auch unter großer Anstrengung, mit seinem ersten Semester jetzt erfolgreich fertig. Meine Rolle bei den beiden jungen Männern kam so etwa auf die gute Tante hinaus. Sie hatten natürlich viel Interesse an meinen eigenen, gerade schon erwachsenen Kindern, wir haben oft große Runden, wo sich die Tische biegen oder der Grill raucht. Aus meiner Sicht wichtig, gerade in einer riesigen Stadt wie Berlin, war es wichtig, überhaupt als Bezugsperson und Freunde da zu sein. Ich habe auch viele Fragen beantwortet, z.B. was üblich ist, was man besser nicht macht, was besonders nett ist etc. Neben ausländerspezifischen/fluchtspezifischen Problemen gibt es natürlich jede Menge der ganz normalen Widrigkeiten und Fragen des Lebens wie Umzug, Freundschafts- oder Frauenprobleme, Bestehen im Beruf, um nur einige zu nennen. Wie weit soll Anpassung gehen? Bin ich ausgegrenzt, wenn ich keinen Alkohol trinke? Steht mir die Frisur? Jeder kann sich sicher ein Bild machen. Seit ein paar Monaten habe ich mich einer ebenfalls sehr jungen Ärztin als Mentorin angeboten. Hier ist, da sie mit der Familie und zwei sehr kleinen Kindern lebt, alles anders. Weder ist ihr Bedarf an sozialen Kontakten, nennen wir es ruhig Nähe, so groß, noch ist ihre zeitliche und örtliche Bewegungsfreiheit flexibel. Da ich selbstständig in eigener Praxis bin, bin ich auch ziemlich angebunden. Da der Kontakt aber nicht nur zu ihr sondern auch zu der Familie sehr schön ist, tun wir, was wir können. Sie macht inzwischen den Vorbereitungskurs an der Charité und es sieht alles danach aus, dass sie ihren Weg erfolgreich gehen wird.

Wie geht es weiter?

Zu meinen bisher kennengelernten syrischen Mentées habe ich weiterhin Kontakt und hoffe, das bleibt auch so. Auch hoffe ich, dass die Vermittlungsmöglichkeit weiterbesteht, in einem Fall hatte der junge Syrer mehrere deutsche Begleiterinnen und dagegen spricht auch gar nichts, eher ein kleines loses Netzwerk zu bilden. Manche Themen gehen in der Gruppe besser zu besprechen, manche in der Teerunde, manche von Aug´ zu Aug´.

Gedanken

Meine Familie und ich haben in dieser Zeit viel erlebt mit „meinen drei Syrern“, interessant waren auch die Begegnungen mit den hier aufgewachsenen Muslimen aus unseren Freundeskreisen. Immer mal wieder ist der einen oder anderen Seite etwas komisch oder sie muss über einen Schatten springen. Unbestreitbar ist es auch Arbeit oder zumindest Anstrengung. Zitat einer Mentorin „ich sehe ihn ja mehr als meine bisherigen Freunde“. Auch von unserer Seite gibt es Enttäuschungen „hat mich vergessen“, „unser Essen schmeckt ihm nicht“ etc., aber sehr wenige, dank der sehr ausgeprägten syrischen Höflichkeit. Wie ich schon in der Turmstraße sagte: es ist erstaunlich und fast unglaublich, wieviel Nähe und Vertrauen in welch kurzer Zeit über die Generations-, kulturellen- und Geschlechtsgrenzen entstehen kann.